2. Oktober 2022

Wie funktioniert Ideologisierung?

Wie wird aus demokratischem Diskurs Ideologie?

Hier ein Beispiel als Satire:

Zwei Menschen essen eine Suppe.

Sagt A zu B: „Nimm doch noch ein bisschen Salz, dann schmeckt die Suppe gleich viel besser!“

Darauf B: „Nein nein, mir ist die Suppe salzig genug.“

„Ach“, sagt A, „du magst wohl kein Salz?“

„Doch doch“ erwidert B „nur, mir reicht der Salzgehalt der Suppe, mehr Salz will ich nicht!“

A trifft sich später mit C. Der erzählt C, dass A seine Suppe nicht salzen wollte.

Darauf C: „Ist A vielleicht ein Salzgegner?“

A meint, dass er das nicht glaube, aber C lässt das nicht gelten: „Wenn B seine Suppe nicht salzen möchte, ist er eindeutig ein Salzgegner!“

Daraufhin schickt C weitere „Gesinnungsprüfer“, D und E, zu B, mit der Forderung, sie sollten B zu mehr „Salztoleranz“ auffordern.

B begrüßt D und E bei der Begegnung freundlich und versucht ihnen gegenüber richtig zu stellen, dass es ihm nur um das richtige Maß des Salzes ginge und er keineswegs ein „Salzgegner“ sei. Ganz im Gegenteil mag er Salz, nur im richtigen Maße.

D und E sind daraufhin beleidigt und wollen nicht umsonst in den Meinungs-Kampf gegen B gezogen sein. Schließlich haben sie viele Emotionen in ihren Missionars-Eifer investiert, der nun bestätigt werden will.

Also mobilisieren sie eine Gruppe von „Salzfeind-Bekämpfern“. Viele schließen sich ihnen an, denn Salz ist nun mal etwas Gutes! Diese treten für die „Rechte der Salzfreunde“ ein und treffen auch wirklich auf eine Vielzahl von Menschen, die Salz maßvoll und begrenzt benutzen.

Moment: Salz maßvoll und begrenzt benutzen? Das klingt nach Salz-Phobie! Menschen mit dieser Haltung werden nun kurzerhand ebenfalls zu „Salzgegnern“ erklärt, denen man nun „den Kampf ansagen“ müsse. Schließlich sind die Salzbefürworter die „Guten“ und die “Salzgegner” die „Bösen“.

Viele andere Menschen sehen ebenfalls ein, dass es „böse“ ist, ein „Feind des Salzes“ zu sein und stimmen in diesen Kampf für das „Gute“ („Ein guter Mensch ist nicht gegen, sondern für Salz“) mit ein. Sie rufen “Mehr Solidarität!” (Es wird an das gute Gewissen appelliert!)

So spaltetet sich die Gesellschaft schnell in „Salzfreunde“ und „Salzfeinde“, und deren Anhänger stehen sich nun feindlich gegenüber, ohne je über ihr Verhältnis zum Salz miteinander gesprochen zu haben.

Ergo: Es geht in einer solchen „Mechanik der binären Ideologisierung“ nicht mehr um die Wirklichkeit oder um Fakten, sondern um die sozialen Konstruktionen, aus denen sich Menschengruppen bilden (Bedürfnis: Loyalität!) und deren Deutungshoheit! Heute gelten offensichtlich nur noch ideologische Extreme, die sich einander diametral hochschaukeln.

Leider finden wir in dieser Atmosphäre der Ideologisierung immer weniger individuelle Eigenverantwortung, Maß und Verhältnismäßigkeit! Das Gegenüber wird, statt ihm zuzuhören, einer Ideologie zugeordnet – Punkt!

Und so wird auch in unserem Beispiel jedem sein individuelles Maß an Salz (und damit seine Individualität) abgesprochen. Fortan sei man lediglich „Salzfeind“ oder „Salzfreund“!

In solch einer binären Ideologisierung (binär: entweder – oder; sich ausschließende Gegensatzpaare) darf niemand mehr eine Meinung sagen oder eine Frage stellen, ohne sofort mit einer binären Ideologie (rechts – links, Impfgegner – Impffreund, Ausländerfreund – Ausländerfeind, etc. ,bla bla) identifiziert zu werden. In einer solchen ideologisierten Atmosphäre ist Diskurs und Kommunikation nicht mehr möglich, ohne dass wir es nur noch mit den Anhängern oder Gegnern der eigenen Meinung zu tun haben. Genauso funktioniert Spaltung.

Gesellschaftlicher Diskurs und Toleranz war gestern, heute lebe die „richtige“ ideologische Gesinnung! Und der „Staat“ passt auf, dass du auf der „richtigen“ Seite stehst! Auch der Diskurs zu Fakten und Inhalten wird in solch einer Gesinnungstyrannei unerheblich.

Es geht ja nicht mehr um Inhalte, sondern um die ideologische Form, um die richtige Gesinnung! Und der Dritte, der Staat und seine Medien, sind der ideologische Gesinnungswächter, der gleichzeitig diese polarisierende Ideologisierung pusht und damit dafür sorgt, dass der Diskurs im Spannungsfeld binärer Ideologien unmöglich wird!

Cui bono?




Uwe Habricht, Soziologe
vgl.: Unsere heimliche Allianz mit den Weltverschwörern
(Verlag holos medien & co, ZeitGeist Nr. 26, 2007, ISSN 1434-8004)

  
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