3. Oktober 2022

Die quantifizierte Gesellschaft

Dieser kleine Artikel gilt heute wie vor 17 Jahren!

(aus: PF:ue 2005)

Die quantifizierte Gesellschaft

Ein Schlagwort der Dienstleistungsgesellschaft heißt “Qualität”. In
einer Welt, in der alles zur Ware degradiert wird, in der Menschen als
Dienstleister in Beziehung stehen, in der alles und jeder
ökonomisiert, ja kapitalisiert wird, da wird “Qualität” ein
wesentliches Merkmal für den Marktwert von Mensch und Produkt.
Das scheint in einer “Marktgesellschaft” nicht nur legitim, sondern
geradezu notwendig. Qualitätsmanagement, Qualitätssicherung,
Qualitätsansprüche gelten als Indikator einer kundenorientierten
Marktverfassung. Hier ist der Kunde König. Die Frage ist nur: Geht
es hier wirklich um Qualität?

Die Marktforschung und ihre Erhebungsverfahren sind immer noch
rein quantitativ. Es geht um Zahlen! Die Qualitätsideologie unterliegt
einem verheerenden Irrtum. Und zwar dem, dass man Qualität
anhand von Umsatzzahlen messen könnte. Ein Beispiel: Ein
Jugendhilfeträger, der Familienhilfe anbietet, gilt als qualitativ
hochwertig, wenn die Zahlen der Fremdunterbringung im Verhältnis
zur Anzahl der beratenden Familien sehr gering sind. Ein weiteres
Beispiel: Ein Fernsehsender gilt als qualitativ hochwertig, wenn die
Einschaltquote im Verhältnis zu anderen Sendern relativ hoch ist.
Oder eine Partei gilt als “richtig”, wenn ihre Wählerzahl im
Verhältnis zu anderen Parteien hoch ist. Überall wird Qualität
quantitativ gemessen! Ein Paradox, welchem der Irrtum zugrunde
liegt, dass Qualität quantitativ gemessen werden kann. So wird
Qualität mit Quantität gleichgesetzt; also erfolgreiche Vermarktung
Indiz für Qualität.

Abgesehen davon, dass viele Erhebungen, in denen der Grad von
“Qualität” eruiert werden soll, nicht immer seriös durchgeführt
werden (Fehlen von Kontrollgruppen, etc.), wird dabei immer wieder
außer Acht gelassen, dass “Qualität” immer von einer
Interessengruppe definiert wird. Dieses Interesse, Qualität zu
definieren, muss in einer kapitalistischen Wirtschaftsverfassung
zwingend ein Interesse nach Umsatz, vielmehr noch nach Gewinn,
wenn nicht Profit sein. Ein Interessenstandpunkt, der Qualität
definieren will, dabei quantitativen Zwängen unterliegt, muss somit
“Qualität” quantitativ definieren und operationalisieren, wobei die
Effizienz des jeweiligen Marktgegenstandes als Qualitätsmerkmal
deklariert wird. Die Folge ist, dass wir in einer Welt leben, in der uns
“Lebensqualität” verkauft werden kann, deren Wert in Zahlen
ausgedrückt werden kann. Und so geht es schlichtweg in allen
Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nicht mehr um Qualität,
sondern um Zahlen; um Einschaltquoten, Wählerstimmen,
Einsparungen, Kostenfaktoren, Arbeitslosenquoten, Personalkosten,
Gewinnen, etc. etc.

Der dieser Dynamik zugrundeliegende strukturelle Moment ist der
Wachstumszwang des kapitalistischen Systems. “Wachstum”, der
“neue” Gott der westlichen Hemisphäre ist ja selbst nicht an Qualität
interessiert, sondern ein reiner Expansionsbegriff, und damit ein rein
quantitatives Postulat. Da, wo “Wachstum” das Sagen hat, kann es
keine Qualität, und schon gar keine Lebensqualität geben. Hier wird
“Qualität” ein rein technisierter, marktinteressengeleiteter Begriff,
der Qualität quantitativ zu erfassen und zu erzeugen versucht. Die
höchste Form der quantitativen Qualitätslüge ist für mich der
bürgerliche Parlamentarismus, der für sich den Begriff “Demokratie”
beansprucht. Dass es hier weniger um Inhalte, als vielmehr um
“Mehrheiten” geht, ist offensichtlich. So können selbst politische
Aussagen noch vermarktet werden; Politik muss sich “verkaufen
lassen”. Und damit stellt sich auch die Frage, was denn Qualität
eigentlich ist und wie man sie “messen” kann.

Zunächst ist Qualität erfahrbar, im Gegensatz zur Quantität, die
messbar ist. Qualitative Erhebungsverfahren sind vertikale, weniger
horizontale Messverfahren. Somit bezeichnet Quantität immer die
Ausdehnung einer Sache, die Qualität den Inhalt einer Sache. Eine
qualitative Gesellschaft ist also eine Gesellschaft, in der es zunächst
keinen Expansionsanspruch gibt. Der Expansionsanspruch von
System und Teilsystemen verhindert eigentlich, dass sich “Inhalt” in
die “Form” bringen lässt, da sich dieser in den Expansionszwängen
verliert. Eine qualitative Gesellschaft würde man weiterhin darin
erkennen, dass die Wertigkeit der Struktur einer Lebensgemeinschaft
ein Äquivalent zur seelischen und körperlichen Gesundheit der
Menschen darstellt. Zurzeit stellt sich der Wert der gesellschaftlichen
Struktur in Bruttoproduktzahlen dar, ist also innerhalb des geltenden
Fortschrittsparadigmas rein quantitativer Art.

Eine qualitative (im Sinne von: Qualität in den Mittelpunkt stellend)
Gesellschaft also sucht nach gesellschaftlichen Faktoren auf allen
Ebenen, in denen gesellschaftliches Leben organisiert ist, die die
Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse sicherstellen und
gestaltet diese nach diesen Prinzipien. In ihr wird der -wenn man so
will- gesellschaftliche Fortschritt an der ERFAHRENEN
Zufriedenheit der Menschen, und NICHT an den Umsatzzahlen von
Psychologen, Pharmariesen, Pädagogen und Medizinern gemessen.

Eine qualifizierte Gesellschaft ist für mich daher der Inbegriff einer
ganzheitlichen Gesellschaft, die Inhalte vor Zahlen stellt und die
Erfahrung vor Effizienz stellt. Und diese scheint mir nur möglich zu
sein, wenn endlich aufgehört wird, Fortschritt mit (quantitativem)
“Wachstum” zu verwechseln und Qualität mit Quantität
gleichzusetzen (zum Beispiel gilt als Wert eines Menschen
zunehmend nur noch seine marktökonomisch ausbeutbare Potenz).
Die Schaffung von “Mehrheiten” ist noch lange kein maßgebendes
Merkmal eines demokratischen Prozesses und im übrigen ist auch
Pluralismus nur dann ein qualitatives Merkmal einer demokratischen
Gesellschaft, wenn damit ein Prozess des offenen Diskurses gemeint
ist. Als quantitativer Begriff meint Pluralismus immer die in sich
gespaltene Verfassung von Parlament und Gesellschaft.
Uwe Habricht (Berlin 6/2005)
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