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(ist als Zitat zu betrachten)
Es beginnt mit einer Träne. Friedrich Merz, sonst bekannt für die emotionale Bandbreite eines Buchhaltungsprogramms, kämpft plötzlich mit den Gefühlen – wir hatten das vor kurzer Zeit beim Israel-Thema schon bei ihm erlebt und die Welt war ratlos über sein Verhalten….oder sagen wir mal: erstaunt . Ukraine. Verantwortung. Geschichte. Man kennt das: Wenn im bürgerlichen Deutschland Männer mit Macht weinen, ist meist schon ein Panzer unterwegs – oder zumindest ein Konzeptpapier mit Tarnnamen. Diesmal heißt es „internationale Schutztruppe“. Das klingt nach Blauhelmen, warmem Kakao und UNO-Romantik. Gemeint ist aber: westliche Stiefel auf ukrainischem Boden, nur bitte ohne das böse Wort zu benutzen.

Das trojanische Pferd dieser Saison kommt nicht aus Holz, sondern aus Moral. Es wiehert leise „Schutz“, „Stabilität“ und „Verantwortung“, während im Bauch bereits die altbekannten Figuren sitzen: NATO-Logik, EU-Disziplinierung und britischer Imperialnostalgie mit Spezialkräfte-Akzent. Dass ausgerechnet die Briten – frisch entkoppelt vom Kontinent, aber nie von Kanonenbootphantasien – wieder ganz vorne mitmischen, überrascht niemanden. Empire im Endstadium wirkt immer ein bisschen wie Söldnertum mit Fahne.
Merz lässt derweil offen, ob Deutschland sich beteiligen würde. Offenheit ist das neue Tarnkappenverfahren. Man sagt nichts Konkretes, nickt aber bedeutungsvoll in jede Kamera. Ursula von der Leyen steht daneben wie die Gouvernante einer militarisierten Wertegemeinschaft: streng, geschniegelt, jederzeit bereit, aus Haushaltslinien Schicksalsfragen zu machen. Europa müsse „mehr Verantwortung übernehmen“. Übersetzt heißt das: mehr Aufrüstung, weniger soziale Fragen, null Selbstzweifel.
Interessant ist, wer besonders laut trommelt. Polen zum Beispiel, das sich inzwischen als aggressivster Militarismus Westeuropas etabliert hat – nicht aus Stärke, sondern aus historisch gepflegter Angstpolitik. Waffen werden dort nicht als Mittel, sondern als Identität verstanden. Skandinavien wiederum spielt die Rolle des sauberen Technokraten: moralisch korrekt, strategisch hart, humanitär im Ton, kompromisslos in der Wirkung. Der neue europäische Autoritarismus trägt also so Norweger-Wollpullover und redet von Resilienz.
Und dann das in Sachen Schutzstaffel auffällige Schweigen der baltischen Staaten. Sie taugen hervorragend als Projektionsfläche westlicher Erzählungen, aber schlecht als eigenständige Akteure in einer realen Eskalationslogik. Man spricht lieber über sie als mit ihnen – auch das ist eine Form von Instrumentalisierung neben der eines Aufmarschgebietes für die möglichen Invasionsträume des Westens.
Aus ostdeutscher Perspektive wirkt das alles unerquicklich vertraut. Die Mischung aus moralischer Überhöhung, strategischer Kurzsichtigkeit und dem festen Glauben, dass Eskalation schon irgendwie gut ausgehen wird, hat man hier schon einmal erlebt. Wer zwischen Oder und Elbe sozialisiert wurde, hört bei „Schutztruppe“ nicht Hoffnung, sondern Marschmusik. Nicht, weil man Russland romantisiert – sondern weil man weiß, wie Großmächte an der Reibefläche reagieren, wenn ihnen militärisch auf die Pelle gerückt wird. Das ist gerade mal keine Sympathie, das ist historische Erfahrung.
Putin braucht für solche westlichen Ideen keine Pressekonferenz. Die Antwort ergibt sich aus der Logik der Macht, nicht aus Emotionen. Genau das macht die Tränen so gefährlich: Sie ersetzen Analyse durch Gefühl und verkaufen Eskalation als Mitmenschlichkeit.
Der eigentliche Skandal ist nicht die offene Debatte über militärische Optionen, sondern die völlige Abwesenheit sozialer Fragen. Während Milliarden für Waffen mobilisiert werden, gilt jede Forderung nach Umverteilung, sozialer Sicherheit oder ziviler Konfliktlösung als naiv. Das System verteidigt sich nicht mehr durch Wohlstand, sondern durch Härte. Wenn bürgerliche Herrschaft ihre ökonomische Legitimation verliert, greift sie zur moralisch aufgeladenen Machtpolitik. Sie wird nicht plötzlich offen autoritär – sie lächelt dabei.
So steht am Ende kein Frieden, sondern ein gut verpackter Vormarsch. Und Merz? Der wischt sich die Tränen ab, richtet die Krawatte und nennt es Verantwortung. Das trojanische Pferd ist längst im Hof und in seinem Bauch die “multinationale Schutztruppe“. Und alle sollen bitte so tun, als hätten sie das Wiehern nicht gehört. Es ist doch bald Weihnachten.

