6. Februar 2026

Eine moderne Kapitalismuskritik

Ein Beitrag von “Die Aufklärung” — übernommen aus Facebook


Eine moderne Kapitalismuskritik, die tiefer geht, muss her

Warum diese Debatte heute nötig ist

Unsere Wirtschaft ist komplexer denn je: digitale Plattformmärkte, globale Lieferketten, Netzwerkeffekte, Boden- und Wohnungsmärkte unter Druck. In dieser Lage wirkt die klassische Gegenüberstellung „Arbeiter vs. Kapitalist“ oft zu grob. Sie erklärt einiges – aber nicht alles. Was wir brauchen, ist eine Kapitalismuskritik, die die Mechanik der Verknappung und Privilegien in den Blick nimmt und daraus wirksame, freiheitliche Lösungen ableitet.

Kapitalismus ist nicht Marktwirtschaft!

Ich arbeite mit folgender Arbeitsdefinition, resultierend aus verschiedenen Expertenquellen (Mill, Keynes, Gesell, Goerge, Löhr, usw.):

“Kapitalismus ist eine verknappte Wirtschaftsform, die sich auf Privilegien, Monopole und Oligopole stützt, um leistungslose Einkommen (ökonomische Renten) privat zu vereinnahmen – zum Schaden der Allgemeinheit.”

Damit ist Kapitalismus nicht identisch mit Marktwirtschaft.

– Marktwirtschaft bedeutet offenen Wettbewerb, Zugänge, transparente Preise und Leistungsorientierung.

– Kapitalismus in obiger Lesart verzerrt diese Prinzipien: Er organisiert Knappheit, schützt Privilegien und schöpft Renten ab – ohne produktive Gegenleistung.

Marxismus vs. Freiwirtschaft – wer sieht den Unterschied?

Marx’ Analyse ist historisch bedeutsam und bleibt in Teilen unverzichtbar:

Ausbeutung, Klassenverhältnisse, Akkumulation, Krisenmechanik – all das hilft, Macht und Eigentum zu verstehen. Sein Fokus liegt jedoch stark auf den Eigentumsverhältnissen an Produktionsmitteln. Wer besitzt? Wer arbeitet? Diese Sicht teilt die Gesellschaft in Proletariat (Arbeiter) und Bourgeoisie (Kapitalisten). Unter dieser Logik gehören Privatiers (leben von eigenen erarbeiteten Vermögen) und Rentiers (leben von Renteneinkommen aus Eigentum) gleichermaßen zur Kapitalistenklasse.

Die Freiwirtschaft (Silvio Gesell) setzt anders an:

Sie stellt leistungslose Einkommen ins Zentrum – also jene ökonomischen Renten, die aus künstlicher Verknappung entstehen (Bodenrenten, Monopolrenten, Zinsstrukturen). Sie unterscheidet zwischen Rentiers (kritisch, weil sie von Privilegien und Knappheit leben) und Privatiers (weniger problematisch, solange ihr Einkommen nicht aus solchen Mechanismen stammt).

Ihr Ziel ist nicht die pauschale Enteignung, sondern die Neutralisierung von systemischen Rentenquellen – durch Bodenwertbesteuerung, umlaufgesichertes Geld, Kartellrecht mit Zähnen und offene Standards. Also keine Feindbildschaffung des “bösen Rentiers” oder des “ausbeuterischen Kapitalisten”.

Fazit:

Die Freiwirtschaft sieht die Nutznießer des Kapitalismus differenzierter.

Sie fragt:

“Lebt jemand von produktiver Leistung – oder von künstlicher Verknappung?”

Genau das macht ihre Kritik präziser und zukunftsfähiger.

Warum Marx’ Analyse dennoch nicht überflüssig wird

Marx liefert eine Tiefenbohrung in Macht‑ und Eigentumsstrukturen und beschreibt Dynamiken wie Konzentration von Kapital, Krisenzyklen und Arbeitswerttheorie. Seine Perspektive bleibt wertvoll, insbesondere wenn wir die Institutionalisierung von Macht verstehen wollen.

Allerdings sollte der Fokus verschoben werden:

Weniger auf den bloßen Besitzwechsel von Produktionsmitteln,

mehr auf die institutionellen Hebel, die Renten ermöglichen (Monopolmacht, Bodenknappheit, Lizenzkartelle, geschlossene Plattformökosysteme).

In diesem Sinne lässt sich Marx ergänzen durch die Betrachtung ökonomischer Renten, wie sie die Freiwirtschaft nahelegt und wie sie sich mit modernen Wettbewerbsregeln und Transparenzinstrumenten verträgt.

Die Marxisten gehen mit Ihren Lösungsansätzen daher nicht weit genug in die differenzierte Tiefe.

Die Ergänzung beider durch Henry George: Die Bodenfrage als fehlendes Puzzleteil

Die Freiwirtschaft kann zusätzlich durch die Bodenreformansätze von Henry George ergänzt werden. George argumentierte, dass ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Ungleichheit aus Bodenrenten stammt – also aus dem privaten Abschöpfen öffentlicher Vorteile (Lage, Infrastruktur, städtisches Wachstum).

Seine Lösung: eine Bodenwertsteuer, die die Rente am Ursprung erfasst, Spekulation unattraktiv macht und Zugang schafft. Das passt ideal zur freiwirtschaftlichen Sicht: Rente neutralisieren, Märkte öffnen, Leistung belohnen.

Welche Lösungen heute wirklich wirken:

Statt Eigentum pauschal zu vergesellschaften, sollten wir die Rentenmaschine abschalten:

-Bodenwertsteuer & Bodenwertabschöpfung

– Bodenrenten an der Quelle neutralisieren, Spekulation dämpfen, Zugang zu Wohnen und Gewerbe öffnen.

– Kartellrecht mit Biss & Entflechtung (wie es schon der Ordoliberale Walter Eucken forderte!)

– Plattform‑Gatekeeper regulieren, Interoperabilitätspflichten, Datenportabilität, offene Schnittstellen.

– Umlaufgesichertes Geld / Zinsneutralisierung

Geldhortung und Zinsprivilegien reduzieren, Investitionen in produktive statt rentengetriebene Anlagen lenken.

– Transparenz & Anti‑Privilegien‑Regeln

Eigentumsregister, Lobby‑Transparenz, Cooling‑off‑Zeiten, Subventions‑Audits gegen Rentensubventionen.

– Faire Marktwirtschaft sozial einhegen

Gründerfreundliche Zugänge, Verbraucherschutz als Marktvoraussetzung, Tarifautonomie & Mitbestimmung.

Diese Agenda bekämpft nicht „Märkte“, sondern deren Verzerrung. Sie ist liberal (einfach) im Zugang, sozial (gerecht) in der Einhegung und wirksam gegen Renten.

Schluss:

Eine moderne Synthese statt altem Lagerkampf

Wir brauchen Marx’ Analyse für Macht‑ und Eigentumsfragen, die Freiwirtschaft für die präzise Diagnose leistungsloser Einkommen (ökonomischer Renten) und Henry George für die Bodenfrage. Zusammen entsteht eine zukunftsfähige Kapitalismuskritik, die freiheitlich bleibt, Märkte öffnet und Renten bricht.

Zum Schluss ein Satz, der diese Richtung auf den Punkt bringt:

„Ich glaube, dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird.“

– Zitat John Maynard Keynes

Appell: Lasst uns nicht die Marktwirtschaft bekämpfen, sondern ihre Verzerrungen. Öffnet Zugänge, brecht Marktmacht, trocknet Rentenquellen aus. So wird aus Kritik Gestaltung – und aus Lagerdenken Gemeinwohlpolitik.

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