22. Februar 2024

Herrschaftsfrei leben

Eine Buchvorstellung von Rudolf Mehl / Vorsitzender der CGW – Christen für gerechte Wirtschaftsordnung
Erschienen im CGW-Rundbrief 18-4

Taschenbuch.
planetVERLAG – Grüne Bildungswerkstatt NÖ,
2018

Endlich jemand, der konkrete Vorstellungen vom Paradies hat, und auch ganz konkrete Wege aufzeigt, wie wir aus unserer heutigen – ziemlich verfahrenen – Situation wieder dort hinkommen können. Wir Menschen waren schon mal im Paradies, wir wurden von dort vertrieben, aber wir können auch wieder dorthin zurückfinden. So könnte man die Botschaft dieses Buches zusammenfassen.

Der Autor verspricht aber keine einfachen Maßnahmen – und: Es liegt an uns, wir haben die Wahl! Untermauert wird das durch die zweite Botschaft: Wie weit blicken wir zurück, wenn wir geschichtliche Entwicklungen betrachten? Über die letzten 5000 Jahre hinaus? Den Homo sapiens gibt es seit 200.000 Jahren!

Das Buch regt zum Nachdenken an und provoziert viele Fragen, denen wir uns für ein gelingendes Leben stellen müssen. Glauben wir überhaupt an ein Paradies? Die erste Frage: Wie stellen wir uns paradiesisches Leben konkret vor? Glauben wir überhaupt an ein Paradies? Mir selbst fällt es nicht schwer, mir das Paradies konkret vorzustellen – bei all den Gaben, die die Schöpfung für uns geschaffen hat, uns geschenkt hat. Die uns umgebende Natur, und auch wir selbst mit all unseren Fähigkeiten sind ein Geschenk Gottes.

In Gesprächen mit anderen nehme ich dann immer wieder wahr, wie schwer es den meisten Menschen fällt, sich den Schritt von unserem heutigen Leben zu einem paradiesischen Leben vorzustellen. Ich bin z.B. überzeugt davon, dass es im paradiesischen Leben kein Geld mehr geben wird.

Die drei Dimensionen unseres Seins

Grundlage aller weiteren Ausführungen sind für den Autor die drei Dimensionen unseres Seins mit den zugehörigen Grundbedürfnissen:
• Verbindung zur Natur, die unsere materiellen Lebensgrundlagen sichert
• Leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen
• Entfaltung des individuellen Selbst

Sind alle drei Grundbedürfnisse erfüllt, können wir harmonisch miteinander leben. Aber in jedem dieser drei Bereiche gibt es eine Schmerzgrenze, bei der wir aggressiv werden – und damit das gelingende Leben (zer-)stören.

Ausführlich wird die Geschichte der Menschheit erzählt, die vor ca. 6 Millionen Jahren begonnen hat. Die oben genannten Grundbedürfnisse waren die längste Zeit davon erfüllt. Einige Elemente finden wir auch heute noch in gelingenden Gemeinschaften, z.B. die Sippe, die das Bedürfnis nach Gemeinschaft viel besser erfüllen konnte als eine Kleinfamilie.

Was waren Merkmale dieses herrschaftsfreien Lebens damals?

Die Menschen „kannten keine allgemein gültige Vorstellung von Gut und Böse. Freilich gab es schon Vorstellungen, was lebensdienlich und was lebensfeindlich ist; Vorstellungen, was sich stimmig anfühlt und was nicht. Aber die Vorstellung, es gäbe eine machtvolle Instanz, die feststellen könne, was gut und böse sei, konnte sich erst entfalten, als sich Machtkonzentrationen herausbildeten.“ (S. 44)

Forschungen über sogenannte primitive Völker im 19. und 20. Jahrhundert kamen zu ganz ähnlichen Ergebnissen, z.B. „Tätigkeiten, die wir heute als Arbeit bezeichnen würden, nehmen vielleicht 2 – 4 Stunden am Tag ein.“ (Gemeint ist wahrscheinlich Erwerbsarbeit) „Die Wirtschaft zeichnet sich durch Unterproduktion aus: Es könnte ohne weiteres mehr produziert werden, doch man sieht keinen Sinn darin, mehr zu produzieren, als man für das Überleben (und die Reservehaltung) braucht.“

Wie aber hat sich Herrschaft gebildet? Pühringer deutet dazu die biblische Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies aus einer neuen Perspektive (S. 27ff). Er erkennt in dieser Geschichte einen Herrschergott, der Gebote erlässt, Besitzansprüche an den Baum der Erkenntnis anmeldet, und Übertretungen hart bestraft – kein barmherziger Gott, von dem Jesus erzählt.

Auch wenn ich diese Deutung nicht teile: ein interessanter Denkanstoß. Mir gefällt die Deutung von Thomáš Sedláček in seinem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ wesentlich besser. Er schreibt auf S. 187 ff, Die Unzerstörbarkeit des Bösen: „Andrerseits beruht der Fall des Menschen aus dem Garten von Eden laut der Genesis gerade auf dem Verlangen, von den Früchten des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen. Das Verlangen, zu erkennen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, wurde also zur Ursache des Scheiterns“ – und wir versuchen weiterhin, uns bei dieser Erkenntnis zu übertreffen. Könnte es sein, dass es uns ohne dieses starke Verlangen, zu erkennen, was gut und böse ist, besser ginge?

Die jeweilige Bedeutung von „Adam“ in der Schöpfungsgeschichte der Bibel zu erkennen, ist herausfordernd. Ist es der hebräische Begriff für „Mensch“, oder ist es der Name des Mannes? Auch dass die Schlange im hebräischen männlich ist, stört die matriarchale und patriarchale Deutung Pühringers. Man muss aber diese Deutung der Vertreibung aus dem Paradies nicht teilen, um Gewinn aus den weiteren Ausführungen zu ziehen.

Kooperation – Konkurrenz

Die Klimaerwärmung vor ca. 12.000 Jahren regt zum Nachdenken über die heutige Klimakatastrophe an. Aus den verschiedenen Vorfahren der heutigen Menschen hat damals nur der homo sapiens aufgrund seines ungeheuer kreativen Potenzials überlebt. „Eine Tatsache, die auch für die heutige globale Krise sehr hoffnungsvoll stimmt“ (S. 47) Hoffnungsvoll kann auch stimmen, dass Vieles nicht nur in diesem Buch thematisiert wird. „Kooperation war in der menschlichen Geschichte viel bedeutsamer als Konkurrenz“ (S. 49) ist z.B. auch aus der Gemeinwohlökonomie zu hören.

Nachdenklich stimmt die Erzählung über den Beginn der Herrschaft vor etwa 5000 Jahren ab S. 50. Erstmals tauchen Waffen auf, die zum Töten von Menschen verwendet wurden. Wie konnte das passieren, „was waren die Gründe für die Etablierung von Herrschaft“? (ab S. 53) Die Thesen, die Markus Pühringer in der Literatur gefunden hat, überzeugen weder Autor noch Rezensent.

Pühringer geht daher von einer sozial konstruierten Knappheit aus: „Ein Teil der Bevölkerung kommt andauernd in eine objektive Mangelsituation. Gesellschaftliche Glaubenssätze und neuartige Machtkonzentrationen verhindern die Lösung einer gesellschaftlichen Mangelsituation, obwohl für alle genug da wäre.“

Ist die Verteidigung von Eigentum wichtiger (heiliger) als die Erhaltung von Leben?

Ein Beispiel für so einen neuartigen Glaubenssatz: „Privatbesitz und Eigentum sind unantastbar“, mit der Folge, „dass die Verteidigung von Eigentum wichtiger (heiliger) als die Erhaltung von Leben sein kann.“ Zeitlich fällt der Beginn von Herrschaftsstrukturen mit der Verwendung von Metall zusammen (Bronzezeit). Kann die neuartige Verbindung von Metall und Geld(-Schulden) das Urvertrauen in die wohlwollende „Mutter Erde“ von Grund auf erschüttert und das Zusammenleben der Menschen sukzessive aus den Angeln gehoben haben? Metall war sehr praktisch – die Nachfrage groß, das Angebot begrenzt – der Preis des Metalls steigt. Damit steigt auch der Wert des Geldes, und so entstand die Regel, dass es legitim ist, für das Leihen von Geld einen Preis zu verlangen:

Die „Geburtsstunde der Reichtumsprämie als Geburtsstunde der Herrschaft“, so erklärt Pühringer den Mechanismus, der zur sozial konstruierten Knappheit führt. Menschen kommen an die Schmerzgrenze der materiellen Versorgung – ein gelingendes Leben ist nicht mehr möglich, aus einer solidarisch-matriarchalen Welt wird eine gewalttätige herrschaftlich-patriarchale.

Die systemischen Folgen der Reichtumsprämie werden ausführlich beschrieben. Ob sie aber „die Ursache für den kolossalen globalen Diebstahl, … für Entfremdung, …für permanente Zusammenbrüche“ ist, oder ob die Ursache nicht eher in den veränderten Glaubenssätzen liegt, die zur der Reichtumsprämie geführt haben, darüber kann man streiten.

Vielleicht hat das glänzende Metall die Gier der Menschen geweckt? Kritik übt Pühringer an verschiedenen Behauptungen, die Menschheit brauche Herrschaft und Gewalt. So hätte sich die Menschheit evolutionär entwickelt. Pühringer hält diese Entwicklung für einen Irrweg, vergleichbar einer Virenerkrankung, für die noch keine passenden Abwehrstrategien gefunden wurden.

Natürlich fehlt in dem Buch auch nicht die kritische Auseinandersetzung mit dem Homo oeconomicus, der uns auf unsere materiellen Grundbedürfnisse reduziert und die beiden anderen Bereiche ausblendet.

Gibt es Wege zurück ins Paradies?

Der größte Teil des Buches widmet sich der Frage: Gibt es Wege zurück ins Paradies? Pühringer beschreibt ausführlich drei Bausteine zur Rückkehr ins Paradies, die mit den drei Dimensionen unseres Seins zusammenhängen.

Welche Prozesse im Menschen, vor allem im Gehirn, ablaufen, wird ausführlich dargestellt und durch Literaturverweise belegt. Ein Problem dabei: In einer herrschaftsfreien Welt gibt es keine Herrscher mehr, die uns diese Wege bahnen und uns zeigen – oder sogar befehlen, wo wir lang müssen. Pühringer zeigt uns Wege – gehen müssen wir sie selbst. Er beschreibt auch das Ziel, „Skizzen des Paradieses“, S. 100f.

Natürlich sollten wir prüfen, ob das auch unser Ziel ist, bevor wir uns auf den Weg machen. Spannende gesellschaftliche Diskussionen sind zu erwarten! Vieles ist nicht neu. „SEIN statt HABEN“ (S. 98) erinnert mich an die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“, 1996 – dort hieß es „Gut leben statt viel haben“. Und auf den Wegen gibt es viele Hindernisse zu überwinden – auch die werden deutlich benannt, z.B.: „Die meisten Menschen ziehen Bekanntes, selbst wenn es noch so unangenehm ist, dem noch so angenehmen Unbekannten vor“. (S. 108)

Gerade in der Dimension „Entfaltung des individuellen Selbst“ werden wir uns weltanschaulichen, spirituellen, religiösen Fragen stellen müssen. Wenn wir uns auf diese Wege einlassen wollen, dann finden wir in diesem Buch gut brauchbare, anschauliche Wegbeschreibungen, mit schönen Bildern wie z.B. die „Reiseexpedition ins Innere“ (S. 124) Aber es gibt auch Sackgassen. Auf der Suche nach Verbundenheit, Leben in Gemeinschaft mit anderen Menschen, ergreifen Menschen, die authentische Gemeinschaften nicht finden, in ihrer Not einen Ausweg (S. 150): Sie erfinden abstrakte Gemeinschaften wie das „Volk“, die „Ethnie“, die „Nation“ oder die „Religionsgemeinschaft“.

Diese abstrakte „Wir“-Gruppe definiert sich über das Anders-Sein gegenüber den „Anderen“. Erstaunlich – und Mut machend, was WIR selbst tun können, um ins Paradies zu kommen: Ernährung, soziale Beziehungen, Selbstentfaltung – alles konkret praktisch beschrieben. Natürlich muss man nicht alles, was Pühringer hier vorschlägt, teilen – er ist schließlich nicht unser Herrscher!

Die Rückkehr zu einem System ohne Herrschaft ist eine noch nie dagewesene Herausforderung: „Bei den bisherigen Revolutionen ging es immer darum, dass die Machthaber entmachtet wurden und eine (vermeintlich bessere) Regierung an die Macht kam.“ Jetzt müssen wir es schaffen, die (Macht-)Pyramide an sich zu überwinden und an ihre Stelle ein Netzwerk zu stellen. (S. 184) „Diese Pyramide kann nur bestehen, weil die Reichtumsprämie permanent für die Umverteilung von unten nach oben sorgt UND weil die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung daran glaubt, dass dieses System Heil bringen wird.“

Den heutigen Mythos unserer Gesellschaft zu überwinden, Herrschaft bringe Heil, Heil kommt von außen, von oben, ist nicht einfach und wird einige Zeit brauchen – wie viele andere Entwicklungen, die auch lange Zeit dauerten.

Der Schlusssatz des Buches kann uns anspornen: „Wenn wir es schaffen, auf das Göttliche in uns, in der Verbindung mit anderen Menschen und in der Natur zu vertrauen, dann werden wir uns wieder weit weg von der Schmerzgrenze bewegen und ein Leben in Fülle haben. Auf nach Utopia!“

Rudolf Mehl

Buch-Bestellungen am einfachsten direkt an den Verlag unter gbw.noe@gruene.at

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