27. Februar 2026

Amerikas Neue Weltordnung

Ein Blogbeitrag von Rüdiger Rauls


Auf der Sicherheitskonferenz 2025 hatte US-Vizepräsident J.D. Vance den Europäern noch die Leviten gelesen. In diesem Jahr kam Außenminister Rubio mit dem Angebot einer neuen Ordnung. Auf welchem Weltbild beruht sie und wie realistisch sind dessen Grundlagen ?

Neue Besen

Als J.D.Vance im vergangenen Jahr die Bühne bei der Münchener Sicherheitskonferenz betrat, war er noch der neue Besen, der gut kehrt. Die MAGA-Bewegung in den USA strotzte vor Kraft nach dem Wahlsieg ihres Präsidenten Donald Trump. Vance las den Europäern ordentlich die Leviten. Das betraf besonders jenen Bereich, in dem sie sich immer wieder gerne als die Weltmeister darstellten: die Werteorientierung. Hierin fühlten sie sich allen anderen Nationen moralisch überlegen und glaubten deshalb auch, überall als Zuchtmeister und Oberlehrer auftreten zu können. Dass ihnen gerade in diesem Bereich Vance die Kompetenz absprach, hatte sie schwer getroffen.

Wenn sich auch einige von Amerikas Wunschträumen inzwischen der Wirklichkeit hatten beugen müssen, war der damalige Auftritt von Vance der erste Wermutstropfen, den der große Bruder auf der anderen Seite des Atlantiks den Verbündeten verabreichte. Es blieb nicht der einzige. Die USA scherten aus der Unterstützung der Ukraine. Zudem bootete Trump die Europäer aus, indem er sich über ihre Köpfe hinweg mit Putin ins Benehmen setzte über die Beendigung des Krieges und die Aufteilung der ukrainischen Beute.

Die Amerikaner gaben zu verstehen, dass sie keine Einwände haben gegen die Abtretung der Ostukraine an Russland, schließlich hatten sie sich doch bereits die Schürfrechte für die Restukraine gesichert. Und die Russen hatten schon deutlich gemacht, dass der Friede in der Ukraine Amerikas Schaden nicht sein wird. Nun muss nur noch der Frieden kommen, damit amerikanische Unternehmen diesen Schatz endlich heben können. Darüber hinaus locken auch in Russland gute Geschäfte für Trump und die amerikanische Wirtschaft.

Außerdem hatten die neuen Besen in Washington damit begonnen, den Europäern die Waffen für die Ukraine in Rechnung zu stellen. Die Amerikaner waren nicht mehr bereit, sie auf eigenes Risiko an Kiew zu liefern. Nach dem Frieden dürften die Europäer vermutlich bei der Aufteilung der Beute in die Röhre schauen und auf den Schulden für die Unterstützung der Ukraine sitzen bleiben. Denn wahrscheinlich wird Kiew diese niemals bedienen können.

Damit aber nicht genug der amerikanischen Zumutungen. Als nächstes kamen neue Zölle, mit denen Trump den Europäern klar machte, welche Rolle er ihnen in den neuen Beziehungen zuwies. Europa war nichts weiter mehr als die Melkkühe für die Gesundung der amerikanischen Wirtschaft. Zölle auf europäische Produkte sollten die amerikanischen Staatseinnahmen heben und die Defizite senken. Sie sollten darüber hinaus auch europäische Unternehmen in die USA locken, um auf diesem Wege die Zölle zu umgehen.

Aber all diese Kröten wäre man von europäischer Seite bereit gewesen zu schlucken, hätte Trump nicht den ergebensten Verbündeten militärisch gedroht. Er verlangte Grönland für die USA und hatte den Einsatz von Waffengewalt zur Erlangung dieses Ziels nicht ausgeschlossen. Inzwischen ist er zwar zurück gerudert, aber die Europäer trauen den USA nicht mehr. Das Verhältnis ist zerrüttet. Es wird immer deutlicher, dass der alte Bundesgenosse USA mit eisernem Besen durch die alte Weltordnung fegt und auch vor altgedienten Freunden nicht Halt macht. In dieser Hinsicht sorgte US-Außenminister Rubio in München für Klarheit: Die alte Ordnung gibt es nicht mehr.

Altes Denken

Aber auch diese alte Ordnung, die sogenannte regelbasierte, war eine amerikanische. Die USA haben also kurzerhand nur das Hemd gewechselt. Was das Neue in dieser neuen Ordnung sein und was sie bringen soll, hatte Marco Rubio in München unmissverständlich zum Ausdruck gebracht: „Wir dürfen die globale Ordnung nicht länger über die nationalen Interessen unserer Länder stellen“(1). Rubio wie auch Trump und die gesamte MAGA-Bewegung sehen nicht oder wollen nicht wahrhaben, dass auch die bisherige Ordnung eine amerikanische war und in erster Linie amerikanischen Interessen gedient hatte. Aber die „dogmatische Ideologie des freien und unregulierten Handels“(2) hat ausgedient.

Diese Ideologie, bekannt als Globalisierung, war von den Amerikanern angestoßen worden durch die Öffnung des Westens gegenüber China. Die Volksrepublik hauchte den alten Industrien, besonders der Textil- und eisenverarbeitenden Industrie, die im politischen Westen keine ordentliche Rendite mehr abwarfen, neues Leben ein. Ganze Industriebereiche verlagerten ihre Produktion nach China, ohne dass sie dazu gezwungen worden wären. An dessen Werkbänken trafen sie auf billige, hoch motivierte und gut ausgebildete Arbeitskräfte. China wurde zur Frischzellenkur für den westlichen Kapitalismus.

Aber von Globalisierung spricht heute keiner mehr in den USA. Stattdessen haben westliche Theoretiker die regelbasierte Ordnung ausgerufen. Schon dieses Schlagwort war ein Eingeständnis der veränderten wirtschaftlichen Bedingungen. China war nicht länger die Werkbank der Welt. Die Volksrepublik hatte für sich die Welt als Markt entdeckt und sich weitgehend unabhängig gemacht von den ehemaligen Kapitalgebern aus dem politischen Westen. Sie war aufgestiegen von der Werkbank der Welt zum Konkurrenten auf dem Weltmarkt. Dem versuchte man, Einhalt zu gebieten, indem der politische Westen neue Regeln schuf, die sogenannte regelbasierte Ordnung.(3)

Er schuf diese eigenmächtig, verordnete sie aber für den Rest der Welt. Doch auch sie erwiesen sich als ungeeignet, den Höhenflug Chinas aufzuhalten. Als die großen Verlierer dieser Entwicklung sehen die USA sich gezwungen, die bisher gültige globale Ordnung wieder den „nationalen Interessen unserer Länder“ unterzuordnen. Aber gerade Europa ist der beste Beweis für die Irrationalität dieses Denkens, das die MAGA-Bewegung als verheißungsvolle Offenbarung und weitblickende Weisheit betreibt. Gerade die Betonung der nationalen Interessen hatte im 20. Jahrhundert nicht nur dem Kontinent selbst, sondern auch dem Rest der Welt unermessliches Leid gebracht.

Rubio will den gesamten politischen Westen für die neue Vision der MAGA-Bewegung gewinnen. Vielleicht steckt dahinter die Ahnung, dass die USA es alleine nicht werden aufnehmen können mit China und Russland und all den anderen Staaten, die der Bevormundung durch den politischen Westen überdrüssig sind. Von jenen sehen sich Rubio und seine Gesinnungsgenossen bedroht. Wie bereits die neue Sicherheitsstrategie zeigte, befürchtet man die eigene „zivilisatorische Auslöschung“, durch die Migrationsbewegungen in der Welt. Ihm geht es darum, die „westliche Zivilisation zu schützen, zu stärken und die westliche Vorherrschaft zu sichern“(4).

Um die Europäer dafür zu gewinnen, appelliert er an Gemeinsamkeiten: die „große europäische Kultur, die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame westliche Zivilisation“(5) und vor allem der christliche Glaube. Besonders letzterer ist für ihn das Verbindende zwischen Amerika und Europa, die gemeinsame Wurzel. Doch beide verbinden auch die Niederlagen der vergangenen Jahre: Das Ende der Kolonialherrschaft durch die Befreiungskriege und die Herrschaft des Kommunismus. Gegen den Niedergang will er neue Hoffnung verbreiten, dass der „Westen nach 500 Jahren expansiver Geschichte nun ein weiteres Kapitel seiner Dominanz schreiben müsse“ (6).

Neue Widersprüche

Rubio spricht von „unseren Ländern“ und meint damit die des politischen Westens. Die globale Mehrheit wird aus diesem Weltbild ausgeschlossen. Auch andere Religionen außer dem Christentum bedeuten ihm wenig. Die MAGA-Bewegung ist weiß und christlich, sieht sich in der Tradition der europäischen Kultur, entstammt denselben Wurzeln, erinnert an Herrenmenschendenken. Damit scheint Rubio bei den Europäern Anklang finden zu wollen. Gleichzeitig macht er aber auch deutlich: „Wir sind bereit, wenn nötig, dies allein zu tun. Auch wenn man es lieber zusammen mit den Freunden in Europa täte.“(7).

Das heißt, die Europäer können sich anschließen, aber untergeordnet unter den Vorstellungen der USA. Nach diesen Worten lässt er Taten folgen. Er hielt er sich nach der Konferenz nicht lange mit den alten Verbündeten in München auf, sondern stattete den neuen Freunden in Ungarn und der Slowakei einen Besuch ab. Er, Trump und die gesamte MAGA-Bewegung warten nicht auf die Entscheidung der alten Gefolgsleute, denn man hat in Europa schon neue gefunden, die den MAGA-Gedanken von der Betonung der eigenen Interessen voll unterstützen.

Ob die Politikvorstellungen der USA und der Slowakei wirkliche so weit übereinstimmen, wenn Rubio erklärt „seine Regierung erwarte von jedem Land der Welt, im eigenen Interesse zu handeln“(8), oder geht es dabei nicht doch eher um Wortmeldungen für die abendlichen Nachrichtensendungen? Angesichts der Wahlen in Ungarn versicherte er Victor Orban, dass „Präsident Trump sich zutiefst für Ihren Erfolg einsetzt, denn Ihr Erfolg ist unser Erfolg“(9). Doch gilt das alles noch, wenn die Interessen nicht übereinstimmen?

Ein Konfliktpunkt zwischen den USA auf der einen und den neuen Freunden in Ungarn und der Slowakei besteht bereits in der Lieferung russischen Öls. Es scheint im amerikanischen Interesse zu liegen, Russland vom europäischen Energiemarkt zu verdrängen. Dementsprechend verlangt man auch von den Freunden in Ungarn und der Slowakei, „sich von russischen Energielieferungen zu lösen“(10). Da geraten die amerikanischen nationalen Interessen mit denen nationalen Interessen Ungarns und der Slowakei in Konflikt. Beides geht wahrscheinlich nicht.

Und noch widersprüchlicher wird die wohl gemeinte Erklärung Rubios, den nationalen Interessen Vorrang zu gewähren, wenn sie auch von China, dem Iran, Russland, Kuba und so vielen anderen sanktionierten Staaten in Anspruch genommen wird. Denn auch der Iran hat ein nationales Interesse an seiner Urananreicherung und dem Erhalt seiner Raketenbestände. Denn was der Atommacht und die Raketengroßmacht USA recht ist, dürfte nach der scheinbar wohlwollenden Erklärung Rubios in Bratislava dem Iran und Nord-Korea billig sein: Der Besitz von Raketen und Atomwaffen zu ihrem eigenen Schutz, so wie sie ihn verstehen.

Die USA und die Theoriedisigner der MAGA-Bewegung begeben sich mit ihrer neuen Ordnungsvorstellung in erheblich Erklärungsnöte und politische Schwierigkeiten. Zwar können sie sich selbst mit ihrem Vorrang der nationalen Interessen aller Beschränkungen in der Anwendung von Gewalt entledigen. Aber das gilt auch für alle anderen Staaten der Welt. Entweder können die MAGA-Theoretiker nicht so weit denken oder aber sie verstehen die nationalen Interessen anderer Staaten nur im Geleitzug mit dem amerikanischen nationalen Interesse.

Wenn auch viele Staatslenker in den Erklärungen von Trump und Rubio Vorteile für sich zu sehen glauben, so zeichnet sich aus dem Verhalten der USA doch eher ab, dass die Betonung des nationalen Interesses alleine als ein amerikanisches Vorrecht angesehen wird. Anderen Nationen dürfte das nur so lange eingeräumt werden, wie es den US-Interessen dient oder zumindest nicht im Wege steht. Das hat man mit der Idee von der Globalisierung schon versucht wie auch mit der regelbasierten Ordnung. Die Entwicklung aufhalten aber konnten diese wohlklingenden Theorien nicht. Immer deutlicher zeigt sich, dass die Welt der amerikanischen Vorherrschaft wie auch der des gesamten politischen Westens überdrüssig ist.

(1, 2) Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) 16.2.2026 Wenn der Staub sich legt

(3) Siehe dazu Rüdiger Rauls: Chinas Wirtschaft – auf zur Weltspitze!

(4, 6, 7) FAZ 16.2.2026 Wenn der Staub sich legt

(8) FAZ 16.2.2026 Rubios neue NATO

(9, 10) FAZ 17.2.2026 Schützenhilfe in der ungarischen Schlammschlacht

Rüdiger Rauls ist Reprofotograf und Buchautor. Er betreibt den Blog Politische Analyse

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